Vogelgesang, Worte und Klangobjekte: 20 Jahre elektroakustische und kammermusikalische Werke
Sargasso gibt stolz die Veröffentlichung von „strange birds“ bekannt, einer Sammlung von Kammer- und elektroakustischen Werken von Evelyn Ficarra aus den letzten zwanzig Jahren. Anstatt einen Überblick im weitesten Sinne zu bieten, wurde das Album sorgfältig als eine Sammlung von Stücken zusammengestellt, die über die Zeit hinweg miteinander in Dialog treten, wobei wiederkehrende Materialien, Bilder und Hörweisen in unterschiedlichen Formen wiederkehren.
Mehrere Themen ziehen sich durch das Programm. Eines davon ist Ficarras langjährige Faszination für Klangobjekte: aufgenommene Umgebungsgeräusche, mechanische Geräusche, instrumentale und vokale Materialien, die alle in neuen Kontexten wiedergehört und neu geformt werden. Vogelgesang ist einer der stärksten roten Fäden. Das Titelwerk strange birds (2021), bestehend aus Flöte, Stimme, Elektronik und in verschiedenen Ländern gesammelten Feldaufnahmen, eröffnet einen intimen hybriden Raum, in dem Vogel, Mensch, Instrument und Maschine miteinander zu verschmelzen scheinen. Am anderen Ende der CD kehrt „three crows“ (2025), das speziell für diese Veröffentlichung entstanden ist, durch Sprechgesang, selbstgemachte Klangquellen, Flöte, Stimme und Elektronik zum Thema Vögel zurück und stellt eine klare Verbindung zwischen dem ersten und dem letzten Titel her.
Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Sprache: nicht nur, was Wörter bedeuten, sondern wie sie klingen, wie sie zerfallen und wie sie in musikalische Form übersetzt oder transkribiert werden können. Drei der Werke greifen direkt auf japanische Poesie zurück und auf Ficarras intensive Auseinandersetzung mit deren Rhythmen, Silbenstrukturen und phonetischen Eigenschaften. In „Night Edge II“ und „The Arbitrariness of Language“, die beide mit einem Gedicht der mittelalterlichen Dichterin Izumi Shikibu verbunden sind, werden Vokale, Konsonanten, Wiederholungen und rhythmische Muster zum kompositorischen Material. In „night bed is in mess“, das auf einem Gedicht aus dem Man’yoshu basiert, dürfen die Spannungen zwischen Originaltext, englischer Übersetzung, Transkription und musikalischem Ausdruck innerhalb des Stücks bestehen bleiben, anstatt geglättet zu werden.
Wasser ist eine weitere Präsenz, die sich durch das Album zieht. Shakespeares „Full Fathom Five“ steht früh in Ficarras Werkverzeichnis, doch seine Bildsprache von Schiffbruch, Tiefe und Verwandlung setzt sich in späteren Werken fort, insbesondere im Solo-Cellostück „Submerged“ und im Streichtrio mit Elektronik „vagues / fenêtres“. In diesen Stücken wird Wasser weniger bildlich als vielmehr imaginativ behandelt: als eine Art, über Entfernung, wechselndes Licht, Instabilität, Eintauchen und Formen nachzudenken, die stets in Bewegung sind.
Immer wieder weigert sich die Musik, sich auf festem Boden niederzulassen. Glissandi, gleitende Tonhöhen, gebrochene Klänge und instabile Texturen kehren auf der gesamten CD wieder und schaffen Werke, die in ihrer Konstruktion präzise und doch in ihrer Bedeutung offen sind. Es ist ein Porträt nicht nur des Spektrums einer Komponistin, sondern auch einer Kontinuität des Hörens.
Die in Kalifornien geborene Evelyn Ficarra lebt abwechselnd in den USA und im Vereinigten Königreich. Sie studierte an der University of Sussex und promovierte später in Komposition an der University of California, Berkeley, wo die elektronische Live-Improvisation zu einem immer wichtigeren Bestandteil ihrer Praxis wurde. Die hier versammelten Interpreten stehen für wichtige künstlerische Beziehungen, die über viele Jahre hinweg aufgebaut wurden. Ficarra ist derzeit Professorin für interdisziplinäre Komposition (Musik) an der University of Sussex.
TITELLISTE:
1. strange birds [10:00]
Evelyn Ficarra (Flöte, Gesang, Elektronik)
2. Night Edge II [11:54]
Lucy Shelton (Gesang) – Heather Frasch (Flöte) – Evan Price (Violine) – Leighton Fong (Cello) – Myra Melford (Klavier)
3. The Arbitrariness of Language, Satz I: Lange Vokale [5:12]
Richard Casey (Klavier)
4. Die Willkür der Sprache, Satz II: kurze Vokale [3:29]
Richard Casey (Klavier)
5. Submerged [7:00]
Samuel Vincent (Cello)
6. night bed is in mess [6:08]
Shie Shoji (Gesang) – Klio Blonz (Flöte) – Elena Konstantinou (Klavier)
7. vagues / fenêtres [13:22]
Hrabba Atladottir (Violine) – Ellen Ruth Rose (Viola) – Leighton Fong (Cello) – Evelyn Ficarra (Elektronik)
8. Full Fathom Five [3:52]
Loré Lixenberg (Gesang) – Dominic Saunders (Klavier)
9. three crows [10:58]
Valerie Whittington (Sprachbeitrag) – Evelyn Ficarra (Flöte, Gesang, Elektronik)
MITWIRKUNG:
Alle Werke komponiert von Evelyn Ficarra
Aufgeführt von den oben genannten Künstlern
Elektronik, Feldaufnahmen und Produktion: Evelyn Ficarra
Mastering: Dylan Beattie
Originalkunstwerk: Evelyn Ficarra



